Die folgende monotypische Gattung steht ziemlich isoliert, und sie wird hier nur unter Vorbehalt den Heterocharacini angeschlossen.
Gnathocharax Fowler, 1913
Der einzige Vertreter der Gattung kommt in weiten Teilen von Amazonas- und Rio Negro-Becken sowie im Orinoko und im Essequibo (Guyana) vor. Laut Neodat II im Madeira-Becken aufwärts bis zum Rio Madre de Dios in Peru und bis Bolivien, ferner im Rio Trombetas (Pará) und im Rio Uatuma. Nur eine Meldung vom Rio Napo (Ecuador). Schliesslich im gesamten Rio Negro (einschliesslich Rio Branco, Lacerda (1991)) über den Casiquiare bis in den Orinoko, dort abwärts bis in die Llanos Venezuelas und bis in den Rio Caura. Die Typlokalität befindet sich am Rio Madeira bei Porto Velho (Rondonia).
Gnathocharax steindachneri
© aqualog-Verlag

Ausgezeichnete Fotos finden sich auch bei Ott (1982) und bei Hoffmann (1989). Im Leben ist der obere Augenrand leuchtend rot gefärbt, die Flossen sind gelblich und auf der Schwanzwurzel befindet sich ein länglicher schwarzer Fleck, der oben und unten weiss gesäumt ist. Allerdings ist die innerartliche Variation erheblich; vgl. das Foto in Sterba (1990, S. 38). Nachts färben sich die Brustflossen tiefschwarz, ebenso bei frischtoten Exemplaren, eine Besonderheit, die mir von anderen Salmlern nicht bekannt ist.
Weitere anatomische Merkmale (sh. unten) machen den Fisch unverwechselbar.
Hoffmann (l.c.) liefert interessante Details zum Verhalten und zur Fortpflanzung der Art. Ihm zufolge sind die Tiere keine ausgesprochenen Oberflächenbewohner sondern bevorzugen einen Standort in mittlerer Tiefe, der ihnen von oben Deckung bietet. Auch das Futter wurde offenbar nicht von der Wasseroberfläche genommen. Andererseits zögern sie nicht, aus dem Wasser zu springen, wenn sie sich beispielsweise erschrecken.
Bei etwa 5 cm Länge werden sie geschlechtsreif und erreichen maximal 6,5 cm TL. Weibchen sind wie so oft etwas grösser und fülliger. Im laichreifen Zustand erkennt man sie an dem völlig schwarzen Laich, der durch die Körperwand hindurchscheint und eine Art "Trächtigkeitsfleck" (besser wohl Laichfleck) bildet. Bei der Balz treibt das Männchen das Weibchen an die Wasseroberfläche, wo die Eier ausgestossen werden. Dabei springen die Tiere sogar aus dem Wasser, wobei einzelne Eier durch die Luft geschleudert werden können. Im Übrigen besitzt der Laich keine Klebkraft und sinkt sofort zu Boden. Im Gegensatz zu vielen anderen Salmlern scheint es bei dieser Art nicht zu Laichverhärtung zu kommen, was eine weitere Besonderheit darstellt.
Gnathocharax steindachneri
© Peter Hoffmann

Die Art ähnelt in vielen Punkten den Vertretern der Cynodontidae, so z.B. im Besitz kräftiger, verlängerter Brustflossen und damit verbundener Gemeinsamkeiten im Bau des Schultergürtels sowie durch den auffallend gekielten Bauch. Dennoch wird in neueren Veröffentlichungen eine solche Verwandtschaft fast immer bestritten. So bewertete Howes (1976) die Unterschiede im Schädelbau und in der Muskulatur des Kopfes und des Kiemendeckelapparates höher und schlug als erster eine mögliche Verwandtschaft zu den Heterocharacini vor.
Die Ähnlichkeit zwischen Gnathocharax und den Cynodontidae ist aber so erstaunlich, dass es immer noch möglich erscheint, dass die einzige Art von Gnathocharax eine verzwergte pädomorphe Art der Cynodontidae ist. Pädomorphose bedeutet, dass die Tiere geschlechtsreif werden, ohne die typischen Merkmale adulter Exemplare auszubilden. Bereits Géry (1977) hatte bemerkt, dass die Tiere eine gewisse Ähnlichkeit zu jungen Gilbertolus aufweisen. Um dieser Frage nachzugehen, sollten sorgfältige anatomische Vergleiche von Gnathocharax verschiedener Altersklassen mit sehr jungen Cynodontidae vorgenommen werden, da sich die Ausprägung vieler Merkmale bei den älteren Tieren ändern mag. Untersuchungen zur altersabhängigen Merkmalsvariation bei Cynodontidae sind mir allerdings bisher nicht bekannt. Auch die von Hoffmann (l.c.) berichteten Besonderheiten in Verbindung mit der Fortpflanzung stellen Merkmale dar, die in einer phylogenetischen Analyse Verwendung finden könnten.
Solange derartige Ergebnisse nicht vorliegen, bleibt mir nichts anderes übrig, als Gnathocharax an dieser Stelle zu belassen. Vergleiche auch den Beitrag von Kai Arendt im Aqua-Terra-Net.