Ammocryptocharax    Weitzman & Kanazawa, 1976

 

Die Vertreter dieser Gattung besitzen einen langgestreckten Körper mit walzenförmigem Querschnitt, ein unterständiges Maul und eine kegelförmige Schnauze. Damit sind sie relativ leicht von den anderen Gattungen der Unterfamilie zu unterscheiden. Alle Arten sind wohl spezialisierte Bewohner von Stromschnellen und Wasserfällen.

 

 

elegans    Weitzman & Kanazawa, 1976

 

Diese im Leben auffallend grasgrün gefärbte Art ist im gesamten Amazonas- und Orinokobecken in geeigneten Lebensräumen verbreitet. Sie kommt im Norden auf der linken Seite des Orinoko bis in den oberen Rio Meta in Kolumbien, vereinzelt sogar bis in den Rio Guariquito nordwestlich von Cajcara, und rechtsseitig bis in den Rio Caura in Venezuela vor, im Osten bis Obidos am unteren Amazonas und im Süden bis zum Rio Guaporé an der Grenze nach Bolivien. Scheint im Einzug des oberen Amazonas (Rio Solimoes) zu fehlen. Die Art bewohnt in strömungsreichen Abschnitten Bestände von Wasserpflanzen mit grasartigen Blättern, an die sie durch Form und Färbung hervorragend angepaßt scheint.

Ein weiteres charakteristisches Kennzeichen neben der grünen Färbung ist das Vorhandensein von schwarzen Flecken auf den jeweils ersten Flossenstrahlen, wie auch auf dem Foto im Aquarienatlas IV, S. 117 bei genauem Hinsehen zu erkennen ist.  Ausserdem scheint es eine gewisse geografische Variation zwischen den verschiedenen Populationen zu geben, die aber noch nicht sehr gut untersucht ist. Die Tiere erreichen Längen von bis zu 52 mm SL.

Im Aquarienatlas II, S. 298 ist ein Fisch abgebildet, der in älteren Auflagen als Klausewitzia sp. und später als Odontocharacidium sp. cf. aphanes bezeichnet wird und aus dem Rio Moiocu (Tapajos-System, wo genau?) stammt. Die auf dem Foto erkennbaren Merkmale lassen das Tier jedoch eindeutig als A. elegans identifizieren. Schon Gestalt und Kopfform sprechen für einen Vertreter der Gattung Ammocryptocharax. Sowohl die schwarzen Flecken auf den führenden Flossenstrahlen als auch das Farbmuster des anscheinend in einer Fotoküvette befindlichen Fisches (Angstfärbung!) ähneln sehr denen bei konservierten A. elegans. Das entscheidende Merkmal sind jedoch die zwei ungeteilten und zudem etwa gleich langen ersten Brustflossenstrahlen, die es sonst innerhalb der Characidiinae nur noch bei A. minutus gibt – dort jedoch auffällig verlängert!

Interessanterweise wurde dieses Exemplar von A. elegans jedoch in einem ganz anderen Biotop gefangen und noch dazu recht weit entfernt vom bisher bekannten Verbreitungsgebiet. Beim Fundort handelt es sich um einem 30-50 m breiten und ca. 1 m tiefen Schwarzwasserfluß, bei einem pH von 5,8, nicht meßbarer Härte und einer Temperatur von 26°C. Die Art hielt sich dort vor allem unter Pflanzenteppichen von Eichhornia auf und war mit Symphysodon, Anostomus, Osteoglossum, diversen Cichliden und Nannostomus vergesellschaftet.

Dieser Fall ist ein schönes Beispiel dafür, dass sich mit sauber herausgearbeiteten Bestimmungsschlüsseln auch nach Fotos eine exakte Bestimmung vornehmen lässt.

 

 

lateralis    (Eigenmann, 1909)

Characidium laterale    Eigenmann, 1909

 

A. lateralis wird in den Systemen des Essequibo und des Mazaruni River in Guyana gefunden. Der Holotypus hat eine SL von 28,3 mm, doch wird die Art vermutlich deutlich grösser. Sie ähnelt A. vintonae und wurde zeitweise als Synonym zu ihr angesehen. Zu den Unterschieden siehe dort. Das Foto im Aquarienatlas IV, S. 117 zeigt vermutlich diese Art, ebenso wie das untenstehende Foto. Welche Bedeutung die unterschiedliche Rumpffärbung hat, ist unklar, doch ist auch diese Art zum schnellen Farbwechsel fähig (Westhäuser, pers. Mitt.): Die Farbe der Längsbinde kann nach seinen Angaben zwischen Schwarz und schmutzig grau schwanken. Auch der weisse Bauch und der cremeweisse Rücken nehmen manchmal ein schmutziges Weissgrau an, so dass sich die Längsbinde kaum abhebt.

 

Vermutlich Ammocryptocharax lateralis. Beachte die nach unten
geneigte Wange und die ungezeichnete Caudale.

 

© Christian Westhäuser.
www.tuempeln.de

 
Ammocryptocharax lateralis

 

 

 

minutus    Buckup, 1993

 

Mit einer TL von rund 30 mm bei den Männchen und rund 40 mm bei den Weibchen ist diese Art der kleinste Vertreter der Gattung. Sie wurde bisher im mittleren Rio Negro nahe Santa Isabel, im Casiquiare-Gebiet und im Orinoko zumindest oberhalb von San Fernando de Atabapo, wahrscheinlich sogar in der Nähe von Caicara gefunden. Die extrem gestreckte Gestalt und die beiden stark verlängerten ersten Brustflossenstrahlen kennzeichnen die Art neben der geringen Grösse recht gut.

Evers und Schlüter fingen die Art am Rio Tefé, was eine erhebliche Arealerweiterung bedeutet. Das Foto im Aquarienatlas VI, S. 103 zeigt aber deutlich die in der Erstbeschreibung hervorgehobenen Merkmale: die zwei verlängerten Brustflossenstrahlen und die um den Körper führenden Querbinden in Verbindung mit der für Ammocryptocharax typischen Kopfform. Diese Tiere wuchsen im Aquarium kräftig heran und erreichten die oben genannten Längen, wobei die Weibchen deutlich grösser wurden. Die Wasserwerte am Fundort:

Temperatur 28°C
pH 5,8
Leitfähigkeit 28 µS

Die Tiere hielten sich dort in überhängender Ufervegetation an Stellen mit stärkerer Strömung auf.

Dagegen handelt es sich bei dem im Aquarienatlas IV, S. 119, als A. c.f. minutus bezeichneten Tier, dessen Gesamtlänge mit 5 cm angegeben wird, sicher um eine andere Art, womöglich sogar aus einer unbeschriebenen Gattung.

 

 

vintonae    (Eigenmann, 1909)

Characidium vintoni    Eigenmann, 1909

 

Diese Art mit bis zu 77 mm SL kommt wie A. lateralis in den Einzügen von Essequibo und Mazaruni in Guyana vor. Erreicht im Rio Cuyuni Venezuela und kommt dort wohl bis in den Rio Caroni vor. Zwei Exemplare aus dem Rio Uairen, einem Nebenfluß des Caroni, unterscheiden sich zwar geringfügig von den Tieren aus Guyana, werden aber von Buckup (1993b) zur gleichen Art gerechnet. Neuerdings auch aus der Umgebung von Oriximina (Pará) am Amazonas bekannt. A. vintonae ist durch ihr Schwanzflossenmuster gekennzeichnet, das dem von Characidium hasemani ähnelt und aus zwei nach hinten aufeinander zu laufenden dunklen Binden auf der basalen Hälfte der Schwanzflosse besteht. Die Abbildung im Aquarienatlas IV, S. 117 zeigt daher möglicherweise nicht diese Art sondern A. lateralis, dessen Schwanzflosse durchsichtig ist und dessen Wangen zudem nicht vertikal stehen sondern sich der Ventralseite zuneigen.

 

 

sp. 'Tapajos'

 

Eine vierte Art stellte Michael Schlüter vor kurzem vor (Schlüter 2006, mit Fotos). Mit einer TL von ca. 4 cm ist sie neben A. minutus die kleinste Art der Gattung. Gefangen wurden sie in einem Klarwasserzufluss des Tapajos bei der Ortschaft Pimental, wo sie in gattungstypischer Weise in den Beständen einer grasartigen Pflanze im schnellfliessenden Wasser lebten (pH 5.6, 25 µs/cm, 27° Wassertemperatur).
Frei schwimmend nehmen die Tiere eine Schräglage ähnlich Nannostomus eques ein. Ausserdem zeigen sie Territorialverhalten.

 

 

sp.

 

In Neodat II sind zwei weitere, von Kullander et al. im oberen Einzug des Rio Juruena (Tapajos-System, Mato Grosso) gesammelte Exemplare einer Ammocryptocharax-Art gelistet, von denen das grösste knapp 22 mm SL erreicht. Ob es sich evtl. um A. elegans, A. sp. 'Tapajos' oder eine weitere, unbeschriebene Art handelt, kann hier nicht geklärt werden. Aus dieser Region sind sonst keine Ammocryptocharax bekannt.